anthurie
Förderpreis für junge Kunst Marienburgpark Monheim am Rhein 2002

Gott ist eine Differenz:
Um etwas sichtbar zu machen, etwa in künstlerischer Produktion, muss notwendigerweise etwas Anderes verdeckt werden. Die Form, nicht im Sinne einer bestimmten Gestalt, eines besonderen Dings, sondern im Sinn der Differenz des Dargestellten zu seiner Umgebung, ist die Unterscheidung, auf der alles Beobachten beruht. Es ist aber nicht möglich beides gleichzeitig im Blick zu haben: sowohl der Unterschied zwischen Dargestelltem und dem "Rest der Welt" als auch das Dargestellte selbst.
Doch es ist möglich, in dieser Differenz zu "pendeln", indem man erst die Differenz zwischen Dargestelltem und der Welt betrachtet und dann das Dargestellte, dann wieder die Differenz und so fort.
Ein ebenso elementarer Unterschied, wie sie die Beziehung zwischen Kunstwerk und der "Restwelt" ausmacht, zeigt sich am virtuellen Körper selbst:
in der Darstellung der "Anthurie" ist die körperliche Einheit, die normalerweise von der Wahrnehmung konstruiert wird, aufgelöst:
Was wir uns als pflanzlich vorstellen, ist gerade dadurch gekennzeichnet, das es nicht aus Fleisch und Blut ist.
An die Stelle der körperlichen Einheit tritt eine digital errechnete Differenz: was als verschieden vorgestellt wird, zeigt sich als identisch. In unserer alltäglichen Anschauung ist das ein Paradox.
Doch dieses Paradox ist nicht eine Eigenschaft der Welt, sondern es ist von unserem Wahrnehmungsapparat konstruiert. Es ist ein Erklärungsprinzip, das dazu dient, aus der Reizflut, der ein Organismus ausgesetzt ist, Informationen zu generieren, die das Überleben des Organismus gewährleistet. Wenn man die Welt als Input für einen Organismus betrachtet, dessen Wesen es ja ist, sein eigenes Überleben möglichst wahrscheinlich zu machen, ist die Welt eine unendliche Menge von Informationen. Betrachtet man die Welt aber mit der Vorstellung, dass es keinen Organismus gibt,der sie wahrnimmt, so enthält sie selbst gar keine Information, sie ist, wie sie ist.
Wenn man in Betracht zieht, dass es die Eigenschaft unserer Wahrnehmung ist, Leben oder Geist in räumlich und zeitlich begrenzte Einheiten zu strukturieren, relativiert das die Künstlichkeit, die wir dieser virtuellen Konstruktion zuschreiben.
Und es löst auch das Paradox auf, das sich unserem Denken in den Weg zu stellen schien.
Wenn meine Vorstellung von Pflanzen Fleischlichkeit als einen Aspekt hat, was ist dann aus meiner ursprünglichen Vorstellung geworden, denn sie IST ja jetzt das, wovon ich sie eigentlich unterschieden hatte?
Wenn das gewohnheitsmäßige Fortlaufen an bestehenden Vorstellungen eine solche Hemmung erfährt, löst das eine Art Schmerz oder Widerwillen aus.
Doch so, wie ein Gift zum Heilmittel werden kann, lässt sich diese Erschütterung durch die Einsicht in die Relativität unserer Wahrnehmungsrealität umkehren zu einer Pendelbewegung, in der es möglich ist, die normale, auf Überlebenssicherung optimierte Wahrnehmungshaltung zu verlassen:
es ist nur notwendig, sich ganz auf die vermeintliche Künstlichkeit einer "durchbluteten Pflanze" einzulassen.
Das heißt, das, was uns als Widerspruch in der logischen Struktur erscheint, die wir wahrgenommenem unterlegen, voranzustellen.
Also davon auszugehen, daß das Unterschiedene, Fleischlichkeit und Pflanze, identisch ist: es ist relativ leicht, sich das tatsächlich vorzustellen, wenn man davon ausgeht, dass die Eindrücke, die uns unsere Sinnesorgane geben, immer nur etwas über unsere Sinnesorgane aussagen und nie etwas über ihren Input:
Reizt man eine Sinneszelle des Auges durch Druck oder Reibung, so entsteht ein optischer Sinneseindruck, reizt man die Zunge mit Elektrizität, entsteht ein geschmacklicher Sinneseindruck.
Es mag zunächst einige Mühe kosten und ebenso irritierend sein, die Wahrnehmung und ihre Logik auf die beschriebene Weise umzukehren, aber wenn es gelingt, macht diese Umkehrung der Wahrnehmung eine Art von "plugout" möglich, der uns im Gegensatz zu Urlaub, Palmen und Strand, Survivaltraining und allen anderen Formen von Entspannungstechniken UNABHÄNGIG von unserer Umwelt ein Abschalten ermöglicht, das an einer Stelle ansetzt, die VOR den Inputs liegt, die wir durch die Welt bekommen können:
an der Weise, WIE uns etwas zu Bewusstsein kommen kann, als Unterschied.
Quellen: George Spencer Brown, Nicklas Luhmann, Gregory Bateson, Heinz von Förster, Humberto Maturana, G.W.F. Hegel, Max Ernst
(Text Mark Hajelka)