trabant   
Galerie soma Berlin 1996

Ein Körper, nur aus Haut und ohne Knochen- ein Mund, ein achtzehn Meter langer Schlund, ein Mund- ein Riese aus der Micro- Welt, schwebend im Milieu aus Luft und Licht:
Aus 20.000 Metern Nylonfaden pur ist das Objekt gesponnen- präziser: erhäkelt-, seine Haut, also nichts als Schlinge, hyperpermeabel, auf der Grenze zur Immaterialität.
Als komprimiertes Material paßt der Membranenleib in eine Hüle von der Größe eines Kohlensacks: 22 Kilo schwer, ein amorpher Fadenballen. Entfaltet jedoch läßt er sein Gewicht vergessen und transformiert sich in schimmernde Luzidität. Circa 70 Gliedmaßen fungieren dabei als die Medien der Extension. Von gleicher Machart wie die Haupttrachea, sind sie dieser angeheftet und verspannen sie im Raum.
Obwohl der Zug der an den Wänden, den Decken und den Böden der beiden Galerieräume befestigten Tentakel es der Röhre erst ermöglichen, ihre Form einzunehmen, verursacht eben dieser Zug an vielen Stellen auch Verformung, Abweichung vom Ideal. Dort scheint die Röhre sich nach außen zu stülpen, die Glieder mutieren zu Fühlorganen, die sich hinaustasten und denen der Hauptleib ein Stück weit folgt. Dennoch verläßt das Röhrenwesen grundsätzlich nicht die Längsachse, auf der es die hintereinander liegenden Galerieräume durchmißt, seine Installation hält ein feines Gleichgewicht von Regel und Deviation, von Strenge und Lebendigkeit.
Unbewegt im Raum verharrend, verwandelt das Objekt doch im Verlauf der Ausstellung beständig sein Erscheinungsbild, indem es von unterschiedlich farbigem Licht, das in bestimmten Intervallen wechselt, umflutet und eingefärbt wird. Bisweilen unterscheidet sich dabei die Farbigkeit in den beiden Schaufensterräumen der Galerie. Dann wird das Schlauchgebilde zum Wanderer zwischen Welten, badend in den divergenten Fluida, sie verbindend in stiller Korrespondenz.
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Die alles entscheidende Bedingung für seine Existenz als ausgedehnter Körper jedoch besteht im Umstand seiner Fixierung und Verankerung- fehlte dieser, so bliebe die entfaltete Gestalt des Trabanten im reinen Potential verborgen, die Illusion seiner Körperlichkeit weilte auf immer begraben in einem Haufenleerer Haut. Erst das Greifen nach einem festen Halt läßt die Volumina sich bilden, und erst das Innehalten auf Zeit verleiht den Wandlungen des Trabanten ihren Sinn.
Text (Auszug) Christoph Poche