Texte





iDisco mit Christel Fetzer
Kunstverein Kehdingen 2014 Freiburg/ Elbe

iDisco entwickelt sich in der Architektur des Kornspeichers, verspannt die
Balkenkonstruktion zu einem wabenförmigen Labyrinth aus transparenter und gelöcherter Gaze. Eine regelmässige Wellenlinie bringt sie zum Schwingen.
Die endlose Linie durchkreuzt den Speicher, Durchblicke und Überschneidungen bewegen den Raum mit der eigenen Bewegung. iDisco ist ein Teil von mir.
                                                   (iDisco bin ich)
Sanft flackerndes Stroboskoplicht rhythmisiert Raum und Zeit, gibt dem Gebilde einen Puls, einen Atem.
                                                   (iDisco ist ein Wesen)
Am Ende des Labyrinths hängt ein grosses Gebilde, aus Spiegeln konstruiert.
Es dreht sich, den Raum und den Gespiegelten. Die Spiegelreflexe, sanft durch den Raum gleitend, werden im Rhythmus des Stroboskoplichtes verstärkt, die Gaze erstrahlt, die Raumskulptur wird sichtbar und körperlich. iDisco ist ein Teil des Aussen.
                                                   (iDisco ist ein Ort)
Fetzer/ Stegat 2014


strawberry fields forever
mit Christel Fetzer

EuroLandArt 2014 Château de Cambray Frankreich

An der Mauer, gegenüber der Orangerie, lehnt eine Konstruktion aus Holz. Einfach und roh zusammengezimmert, bildet sie die Fassade der Orangerie nach. Die Nachbildung spiegelt das Original über die Querachse und schafft eine ornamentale Neuordnung der Gartenanlage. Vor der Konstruktion, auf der Erde, befindet sich ein Beet, ein Fragment einer historischen Pflanzenkultur im Nutzgarten des Schlosses. Angeordnet im Medaillon des Beetes stehen fünf Fruchtstauden im Strohmulch. Süße Früchte hängen überreif, liegen schwer am Boden, kaum gehalten vom Stängel. Aus der Ferne köstlich und lockend, sind sie aus der Nähe unheimlich übergroß, ausgetrocknet und hohl. Unangenehm
fleischlich verdorren sie unbemerkt in dem Erdmedaillon. Die provisorische Holzkonstruktion im Zusammenhang
mit dem Beet bleibt rätselhaft. Alles scheint eher morbide und krank, seltsam erstarrt und verlassen.
Pressetext (Textauszug)

Strawberry Fields forever (The Beatles/ John Lennon 1967)

Let me take you down
'Cause I'm going to Strawberry Fields
Nothing is real
And nothing to get hung about
Strawberry Fields forever

No one I think is in my tree
I mean it must be high or low
That is you can't, you know, tune in
But it's all right
That is I think it's not too bad

Let me take you down
'Cause I'm going to Strawberry Fields
Nothing is real
And nothing to get hung about
Strawberry Fields forever

Always, no sometimes, think it's me
But you know I know when it's a dream
I think I know I mean a yes
But it's all wrong
That is I think I disagree

Let me take you down
'Cause I'm going to Strawberry Fields
Nothing is real
And nothing to get hung about
Strawberry Fields forever
Strawberry Fields forever
Strawberry Fields forever


Schabracke
mit Christel Fetzer
super bien! gewächshaus für zeitgenössische kunst 2014 Berlin

Für den Ausstellungsort super bien! wurde die ursprüngliche Funktion des Glashauses neu  definiert. Vom Gewächshaus in der Selbstversorgerparzelle in eine Vitrine, einen Kunstbehälter.
Christel Fetzer und Christiane Stegat ordnen dem Haus eine weitere Funktion zu, es wird Formgeber und Display für die Arbeit „Schabracke“.
Über Längsseiten und Dach verdeckt die Konstruktion aus Holz das Glashaus und macht es und seine unterschiedlichen Funktionen unsichtbar. Man schaut auf die Fassade einer Baracke. Durch die Materialästhetik des Überwurfes wird das Gewächshaus visuell in der Selbstversorgerparzelle verortet und auf seine ursprünglichste Form, ein Haus, reduziert.
Auf die offenen Frontseiten blickend, sieht man den Querschnitt, das Glashaus als Leerform.
Möglicherweise ein Modul, das sich zu beiden Seiten ansetzen lässt und so den Körper beliebig verlängert. Eine Lösung für ein unbekanntes Problem ist die Schabracke ein pragmatisches Produkt aus den Ressourcen seines Ortes.


(Schabracke Bedeutung: reich bestickter Überwurf (über Flanken und Rücken),
       umgangssprachlich: alte, abgetakelte Frau, Xanthippe)


Christel Fetzer und Christiane Stegat arbeiten hier bei super bien! zum ersten Mal gemeinsam an einem Projekt. Beide Künstlerinnen haben schon zahlreiche Arbeiten im öffentlichen Raum verwirklicht. Ordnungsprinzipien, Strukturen gesellschaftlicher Konventionen, Umwertungen gegebener Zustände sind Themen, die Beide auf unterschiedlichste Art bearbeiten.
(Pressetext zur Ausstellungseröffnung super bien! 2014)

i wont be home no more

" ELEMENTARE BEHELFE " Künstlertage auf dem Hermannshof 2012 Völksen

...Der Besucher betritt ein Terrain, das er zunächst als eine Bepflanzung einordnet. Bei längerer Verweildauer wird offenbar, dass es sich um eine Plantage handelt, deren circa fünfzig fremdartige, fleischrotfarbene, zapfenartige Setzlinge jedoch nicht wirklich von Fruchtbarkeit und Erntedank sprechen. Alles scheint eher morbid und krank,

seltsam erstarrt und verlassen. Die wulstigen Brüche oder geschwürartigen Beulen eines jeden Setzlings mögen den Besucher gar an Münder denken lassen und schon beginnt auf dem Feld ein Wispern und Murmeln.
Nie wieder werde ich zu Hause sein.
Im Hintergrund dieses gefährlichen Ackers nimmt der aufmerksame Betrachter ein Blitzen von Licht wahr. Ein kleiner grauer Verschlag am Ende des Feldes gewährt durch ein runde Öffnung in der eingegrabenen Tür Einblick in ein Lager mit eben jenen fleischfarbenen Körpern im Inneren - vielleicht eine Brutstätte oder ein Versteck. An genau dieser Stelle wird der Installation von Stegat das Leben eingehaucht. Hier am kleinen Verhau, der sich perfekt in seine Umgebung einfügt und doch künstlich von der Künstlerin in den bestehenden Wildwuchs integriert wurde, beginnt die seltsame Geschichte. Wie selbstverständlich verknüpft der Betrachter der Szenerie den riesigen Sendemast mit diesem winzigen Gebäude:
es wird als sein diesseitiger Ein- oder Ausgang sichtbar, man imaginiert unterirdische Tunnel, gespenstische Überwachungsaufträge, Strahlungsenergie und sieht schon bald in den ausgesetzten Wesen die spionierende Population einer fernen Zukunft ... oder auch nicht. Der Erzählmodus dieser Installation ist vage und offen, das macht ihren ganz eignen Sinn aus.
(Text An Seebach für Elementare Behelfe 2012)


spawn

"lichtparcours 2010" 2010 Braunschweig Standort: Rückwand des Schulgebäudes Echternstraße 1


Im Jahr 2010 plant die Stadt Braunschweig, einen weiteren Lichtparcours zu realisieren, an dem internationale zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler der Gegenwart spezifische, temporäre Arbeiten im öffentlichen Raum der Stadt zeigen. Die Künstlerinnen und Künstler haben in ihren Entwürfen einen topografischen, urbanen oder gesellschaftlich-historischen Bezug zur Stadt aufgenommen und zum integralen Bestandteil ihrer Arbeit gemacht, wobei die unterschiedlichsten künstlerischen Positionen die Ansätze dieser Ortsbezogenheit zum Ausdruck bringen sollen.

(Textauszug Einladung Fachbereich Kultur der Stadt Braunschweig)


spawn (engl.)                  Subst.- Brut,Ausgeburt,Laich
Verb- laichen,erzeugen,(sich)vermehren
Slang- etwas aushecken

..."Auch „spawn“ ist so eine Struktur, die zunächst wie ein seltsam vergrößertes Gelege, Laich oder Schaum anmutet. Aus dem Fenster eines alten Schulgebäudes herabfließend, die steinerne Fassade bis zum Ufer der Oker hinunter, sammelt sich am Wasser ein Haufen weißer Kugeln mit einem Durchmesser von jeweils etwa zwanzig Zentimetern. Die biomorphe Ansammlung täuscht nur kurzfristig über die Banalität der einzelnen Module hinweg: Tatsächlich handelt es sich um industriell gefertigte, von innen mit LEDs beleuchtete Plastikkugeln – Massenartikel, aus denen eindeutig die einzelnen Kabel herausblicken. Ihr artifizieller Charakter wird damit bewusst demonstriert: Das rätselhafte Etwas entpuppt sich als ein Haufen profaner Ready-Mades – Produkte, die in unverändertem,
vorgefertigtem Zustand unmittelbar in das Kunstwerk übertragen werden. Während sie tagsüber kaltweiß, glatt und funktionslos daherkommen, verwandeln sich die Kugeln nachts in beinahe magisch auf Wasser und Ufer ausstrahlende Leuchtkörper. Beim Betrachter entsteht dabei ein romantischer Rückkopplungseffekt:
Die Erkenntnis der schlichten Künstlichkeit der Module kann nicht verhindern, dass er Assoziationen zu lebendigen Erscheinungsformen zulässt.
Es ist, als würde er angesichts des fremden Gebildes nach bekannten Parametern suchen, die er am ehesten an einer urwüchsigen, naturgegebenen Gestalt – eben Eier oder Laich – festmachen kann. Der alltägliche Ort und das gewöhnliche Material erhalten dadurch den Anschein von etwas Besonderem und Geheimnisvollen."
(Auszug Katalogtext "3.lichtparcours2010" Gesine Borchert)


morgen- abend    

"lux.us" 2007 Lichtkunstpreis Lüdenscheid

Ich gehe durch einen Flur auf eine offene Tür zu, ich trete durch die Tür in eine Hütte, durch die Ritzen der rohen, senkrechtstehenden Baumstämme dringt ein gleissendes Licht.

morgen

Ich kann die Hütte nur durch diese eine Tür verlassen und bin wieder in dem Flur. Ich gehe den Flur entlang und trete durch die nächste Tür in einen Raum. Der Raum ist dunkel, ich gehe auf eine Hütte zu, sie ist von einem ellen Lichtschein umgeben, das Licht dringt gleissend durch die Ritzen der rohen, senkrechtstehenden Baumstämme.
abend

Ich nähere mich der Hütte und bemerke, das ich nicht in das Innere gelangen kann, sie steht geschlossen vor einer Wand.
(Text Projektvorschlag)


orchideenhaus

"(misstraue der) idylle" kik kunst in kontakt
2005 Hannover

Im Focus: „Ist das idyllisch hier...“ Ein Ausspruch, den wir des öfteren hören, wenn Gäste unser Areal an den Herrenhäuser Gärten (5000 m² Freifläche mit altem Baumbestand, reizvoller Raumstruktur und großen Rasenflächen) und unser Haus betreten.
Idylle: In der Kunst die idealisierte Darstellung des Menschen im Einklang mit der Natur, im wirklichen Leben die Sehnsucht nach diesem Einklang, nach dem „friedlichen, einfachen Leben, meist in ländlicher Abgeschiedenheit“.
Eine Idylle, die oft trügerisch ist... Bereits im Alltagszustand wird der
optisch-idyllische Eindruck des Projektortes akustisch gebrochen:
So entlarvt bereits die Geräuschkulisse des direkt angrenzenden
Westschnellwegs die Illusion der Idylle und erinnert an die Realität hinter
der Sehnsucht.
Das Projekt: Dieses Spannungsfeld von Sehnsucht und Wirklichkeit, Realität und Simulation ist das Thema dieses Kunstprojekts. Sechs bildende Künstler aus den Bereichen Installation, Objekt-, Video- und Klangkunst werden das Phänomen Idylle (und den Ort) erforschen und in Ihren Arbeiten transformieren.
(Projekttext (misstraue der) idylle)
 

nachbild
 mit An Seebach   
"die leere" 
Gustave- Eiffel- Schule Berlin 2005

" Gemäß der Anfrage der Organisatoren sind die beiden
Ausgangspunkte für die Arbeit, a. das Schulgebäude, b. die Leere.
Es erschien deshalb reizvoll, transparentes Material zu benutzen und
den Schulraum mit einer ortsspezifischen Installation zu füllen.
Wir kreierten ein "Nachbild" der ehemaligen Klassenraumsituation,
fügten dabei aber Eigenständiges hinzu, neuen Inhalt, zusätzliche
Gedankengänge. Nachbilder sind Wahrnehmungsaphänomene, sie
entstehen als Nachdauer nur für kurze Zeit auf der Netzhaut als
eingebrannte Bilder, nach vorangegangener Überreizung.
Auch die fertige Arbeit hat diesen Charakter, man sieht und sieht
zugleich nicht, Leere und Fülle existieren gleichzeitig.
Die Installation spürt der früheren Nutzung nach und behält selbst
den Charakter eines Phänomens."

Nachbild
(Begriff der Physiologie)
“... Schauen Sie für ca. eine Minute ein helles Licht an, und blicken Sie dann auf einen neutralen Hintergrund. Sie werden dort nun einen dunklen Fleck wahrnehmen, welcher die gleiche Form hat wie die vorherige Lichtquelle. Diese Wahrnehmung eines Phantombildes nennt man ein
Nachbild.
Das menschliche Auge wandelt pausenlos Lichtenergie in Signale um, welche sich durch das Nervensystem bewegen.
Die aus einer konstanten Wahrnehmung stammenden Signale werden vom visuellen System nach einer gewissen Zeit reduziert. Wenn der ursprüngliche Reiz weg fällt, dann wird diese Reduktion als ein in Helligkeit und Farbe umgekehrtes Bild erkennbar...“
An Seebach

anthurie
Förderpreis für junge Kunst Marienburgpark 2002 Monheim am Rhein

Gott ist eine Differenz:
Um etwas sichtbar zu machen, etwa in künstlerischer Produktion, muss notwendigerweise etwas Anderes verdeckt werden. Die Form, nicht im Sinne einer bestimmten Gestalt, eines besonderen Dings, sondern im Sinn der Differenz des Dargestellten zu seiner Umgebung, ist die Unterscheidung, auf der alles Beobachten beruht.  Es ist aber nicht möglich beides gleichzeitig im Blick zu haben:  sowohl der Unterschied zwischen Dargestelltem und dem "Rest der Welt" als auch das Dargestellte selbst.
Doch es ist möglich, in dieser Differenz zu "pendeln", indem man erst die Differenz zwischen Dargestelltem und der Welt betrachtet und dann das Dargestellte, dann wieder die Differenz und so fort.
Ein ebenso elementarer Unterschied, wie sie die Beziehung zwischen Kunstwerk und der "Restwelt" ausmacht, zeigt sich am virtuellen Körper selbst:
in der Darstellung der "Anthurie" ist die körperliche Einheit, die normalerweise von der Wahrnehmung konstruiert wird, aufgelöst: Was wir uns als pflanzlich vorstellen, ist gerade dadurch gekennzeichnet, das es nicht aus Fleisch und Blut ist.
An die Stelle der körperlichen Einheit tritt eine digital errechnete Differenz: was als verschieden vorgestellt wird, zeigt sich als identisch.  In unserer alltäglichen Anschauung ist das ein paradox.
Doch dieses Paradox ist nicht eine Eigenschaft der Welt, sondern es ist von unserem Wahrnehmungsapparat konstruiert.  Es ist ein Erklärungsprinzip, das dazu dient, aus der Reizflut, der ein Organismus ausgesetzt ist, Informationen zu generieren, die das Überleben des Organismus gewährleistet.  Wenn man die Welt als Input für einen Organismus betrachtet, dessen Wesen es ja ist, sein eigenes Überleben möglichst wahrscheinlich zu machen, ist die Welt eine unendliche Menge von  Informationen.  Betrachtet man die Welt aber mit der Vorstellung, dass es keinen Organismus gibt, der sie wahrnimmt, so enthält sie selbst gar keine Information,  sie ist, wie sie ist.
Wenn man in Betracht zieht, dass es die Eigenschaft unserer Wahrnehmung ist, Leben oder Geist in räumlich und zeitlich begrenzte Einheiten zu strukturieren, relativiert das die Künstlichkeit, die wir dieser virtuellen Konstruktion zuschreiben.
Und es löst auch das Paradox auf, das sich unserem Denken in den Weg zu stellen schien.
Wenn meine Vorstellung von Pflanzen Fleischlichkeit als einen Aspekt hat, was ist dann aus meiner ursprünglichen Vorstellung geworden, denn sie IST ja jetzt das, wovon ich sie eigentlich unterschieden hatte?
Wenn das gewohnheitsmäßige Fortlaufen an bestehenden Vorstellungen eine solche Hemmung erfährt, löst das eine Art Schmerz oder Widerwillen aus.
Doch so, wie ein Gift zum Heilmittel werden kann, lässt sich diese Erschütterung durch die Einsicht in die Relativität unserer Wahrnehmungsrealität umkehren zu einer Pendelbewegung, in der es möglich ist, die normale, auf Überlebenssicherung optimierte Wahrnehmungshaltung zu verlassen:
es ist nur notwendig, sich ganz auf die vermeintliche Künstlichkeit einer "durchbluteten Pflanze" einzulassen.
Das heißt, das, was uns als Widerspruch  in der logischen Struktur erscheint, die wir wahrgenommenem unterlegen, voranzustellen.
Also davon auszugehen, daß das Unterschiedene, Fleischlichkeit und Pflanze, identisch ist: es ist relativ leicht, sich das tatsächlich vorzustellen, wenn man davon ausgeht, dass die Eindrücke, die uns unsere Sinnesorgane geben, immer nur etwas über unsere Sinnesorgane aussagen und nie etwas über ihren Input:
Reizt man eine Sinneszelle des Auges durch Druck oder Reibung, so entsteht ein optischer Sinneseindruck, reizt man die Zunge mit Elektrizität, entsteht ein geschmacklicher Sinneseindruck.
Es mag zunächst einige Mühe kosten und ebenso irritierend sein, die Wahrnehmung und ihre Logik auf die beschriebene Weise umzukehren, aber wenn es gelingt, macht diese Umkehrung der Wahrnehmung eine Art von "plugout" möglich, der uns im Gegensatz zu Urlaub, Palmen und Strand, Survivaltraining und allen anderen Formen von Entspannungstechniken UNABHÄNGIG von unserer Umwelt ein Abschalten ermöglicht, das an einer Stelle ansetzt, die VOR den Inputs liegt, die wir durch die Welt bekommen können:
an der Weise, WIE uns etwas zu Bewusstsein kommen kann, als Unterschied.       
Quellen: George Spencer Brown, Nicklas Luhmann, Gregory Bateson, Heinz von Förster, Humberto Maturana, G.W.F. Hegel, Max Ernst
(Text Mark Hajelka)

trabant   
Galerie soma Berlin 1996

Ein Körper, nur aus Haut und ohne Knochen- ein Mund, ein achtzehn Meter langer Schlund, ein Mund- ein Riese aus der Micro- Welt, schwebend im Milieu aus Luft und Licht:
Aus 20.000 Metern Nylonfaden pur ist das Objekt gesponnen- präziser: erhäkelt-, seine Haut, also nichts als Schlinge, hyperpermeabel, auf der Grenze zur Immaterialität.
Als komprimiertes Material paßt der Membranenleib in eine Hüle von der Größe eines Kohlensacks: 22 Kilo schwer, ein amorpher Fadenballen. Entfaltet jedoch läßt er sein Gewicht vergessen und transformiert sich in schimmernde Luzidität. Circa 70 Gliedmaßen fungieren dabei als die Medien der Extension. Von gleicher Machart wie die Haupttrachea, sind sie dieser angeheftet und verspannen sie im Raum.
Obwohl der Zug der an den Wänden, den Decken und den Böden der beiden Galerieräume befestigten Tentakel es der Röhre erst ermöglichen, ihre Form einzunehmen, verursacht eben dieser Zug an vielen Stellen auch Verformung, Abweichung vom Ideal. Dort scheint die Röhre sich nach außen zu stülpen, die Glieder mutieren zu Fühlorganen, die sich hinaustasten und denen der Haupleib ein Stück weit folgt. Dennoch verläßt das Röhrenwesen grundsätzlich nicht die Längsachse, auf der es die hintereinander liegenden Galerieräume durchmißt, seine Installation hält ein feines Gleichgewicht von Regel und Deviation, von Strenge und Lebendigkeit.
Unbewegt im Raum verharrend, verwandelt das Objekt doch im Verlauf der Ausstellung beständig sein Erscheinungsbild, indem es von unterschiedlich farbigem Licht, das in bestimmten Intervallen wechselt, umflutet und eingefärbt wird. Bisweilen unterscheidet sich dabei die Farbigkeit in den beiden Schaufensterräumen der Galerie. Dann wird das Schlauchgebilde zum Wanderer zwischen Welten, badend in den divergenten Fluida, sie verbindend in stiller Korrespondenz.
... ...
Die alles entscheidende Bedingung für seine Existenz als ausgedehnter Körper jedoch besteht im Umstand seiner Fixierung und Verankerung- fehlte dieser, so bliebe die entfaltete Gestalt des Trabanten im reinen Potential verborgen, die Illusion seiner Körperlichkeit weilte auf immer begraben in einem Haufenleerer Haut. Erst das Greifen nach einem festen Haltläßt die Volumina sich bilden, und erst das Innehaltenauf Zeit verleiht den Wandlungen des Trabanten ihren Sinn.
Text (Auszug) Christoph Poche